Acht Stunden sind kein Tag - Rückblick und Gedanken zu unserem Fassbinder-Weekend

Acht Stunden sind kein Tag. 1972/1973. Zeitgeschichte  auf der Leinwand. Zehn Stunden Film. Die TV-Serie von 1972/73 wurde 2016 digitalisiert und aufgearbeitet. Sie ist im Februar 2017 zu Berlinale gelaufen und wurde noch einmal gezeigt als Grossereignis im KulturRaum Zwingli-Kirche am Rudolfplatz im Friedrichshain am 31.März /1.April 2017. Fünf Teile, gedreht von Rainer Werner Fassbinder für das Fernsehen im Auftrag des WDR. Zusätzlich ein Dokumentarfilm von Juliane Lorenz, der Chefin der Fassbinder Foundation. Es war ein beglückendes Ereignis in dem gut gefüllten Kirchenraum, einer ungewöhnlichen Location für Filmvorführungen dieser Größenordnung. Die Inszenatoren der Berlinale könnten über Ähnliches an diesem Ort mal nachdenken.

 

 

 

Warum war diese TV-Filmreihe so spannend? Die Granden des Films der Bundesrepublik, die Schluss machten mit dem »Förster im Silberwald«  und den Heile-Welt-Filmen der 50er/60er Jahre, damals jung, die waren hier alle noch einmal zu sehen. Hanna Schygulla, Irm Hermann, Luise Ullrich, Gottfried John, Werner Finck, Klaus Löwitsch und, und, und. Vorneweg die »Unsichtbaren«, die Produzenten des WDR, die sich trauten, diese Reihe zu produzieren im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen und die sich sicher waren dass Fassbinder als Regisseur das stemmen würde.

 

 

 

Erstmalig war eine Fernsehserie in der Bundesrepublik im Milieu der Arbeiterklasse angesiedelt. Verhandelt wurde die Arbeitssituation einer Brigade von Werkzeugmachern, die sich einmischten für gerechte Bezahlung ihrer Arbeit  und vernünftige Arbeitsplanung und -bedingungen. »Um uns selber müssen wir uns selber kümmern...« (Brecht). Es war ein politischer Film. Es war auch ein privater Film. Die Liebesgeschichte zwischen Marion und Jochen waren der Kern, aber Gastarbeiter, Kinderladen, Mitbestimmung, Mietwucher, Selbständigkeit der Frau wurden auch verhandelt, der Arbeitsalltag von Metallern in einer deutschen Fabrik der 70er Jahr gezeigt. Der Film hat seinerzeit einige durchaus nicht nur positive öffentliche Diskussionen ausgelöst. Für mich war hoch spannend der  Vergleich zur Darstellung von Arbeiterklasse im Film der DDR. Prominentestes Beispiel »Spur der Steine« der DEFA, 1966 von  Frank Beyer gedreht oder die Filme von Kurt Mätzig  aus den 50ern »Ernst Thälmann. Sohn seiner Klasse.«

 

 

 

Ich musste während des Films grinsend an eine Losung in der DDR denken: »Arbeite mit, Plane mit, Regiere mit«. Genau das taten die Werkzeugmacher in dem Film »Acht Stunden sind kein Tag«. Sie tranken übrigens unglaublich viel Alkohol und rauchten wie die Schlote.. Da hat sich wohl etwas geändert ? Oder entsprach das dem Denkschema über Arbeiter? Der Film war witzig. Die Schilderungen der Familien durchaus komisch und mit liebenswürdiger Heiterkeit gefilmt. Wie schön, dass ein politischer Film auch lustig sein kann. Und die langen Einstellungen des Films - toll. Die genau komponierten Bilder. Hilfreich auch der Dokumentarfilm, der etwas über die Arbeitsweise Fassbinders erzählte. Wie gut vorbereitet er in die Dreharbeiten ging und daher beispielsweise auch schnell war in der Produktion. Und Hanna Schygulla, die mit diesem Film bekannt wurde, heute erzählen zu sehen. Und die Erzählungen der Leute beim WDR, damals blutjung, heute nach 40 Jahren immer noch höchst erfrischend, die das Ding damals auf die Bahn schoben.

 

 

 

Hätte ich diesen auch etwas didaktischen Film vor 40 Jahren auch angenommen? So gedreht in der DDR? Hätte ich Ihn gemocht? Ziemlich klar ist mir, warum die geplanten beiden restlichen Teile  nicht gedreht wurden. Da wären Themen und Fragen auf den gesellschaftlichen Tisch gekommen, die zu »rot« waren. Inzwischen ist der Begriff »Kapitalismus« ja wieder salonfähig geworden, Der Deutschlandfunk strahlte in diesen Tagen eine Auseinandersetzung mit Kapiteln des »Kapital« aus, aber damals sprach man ja noch von Sozialer Marktwirtschaft.

 

 

 

Martin Wiebel, in den 70ern blutjunger Dramaturg beim WDR, sei Dank, dass er unermüdlich und mit Verve das Werden des Fassbinder-Weekends voran getrieben hat, Juliane Lorenz gewinnen konnte als Partnerin der Veranstaltungreihe, Beam Around grosszügig als Sponsor die technische Realisierung übernahm. Und Dank den vielen ehrenamtlichen Helfern dieser beiden Tage. Da hat KulturRaum Zwingli-Kirche wieder mal was Wunderbares auf die Beine gestellt. Vor allem junges Publikum aus ganz Berlin hatte sich eingefunden.

 

 

 

Gedanken zum Fassbinder-Weekend von Anke Baltzer

 

 

 

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